18. Gedenkfeier der Katholischen Jugend in Ternberg
Das Gedenken in Ternberg fand heuer bereits zum 18. Mal statt. In Ternberg hatte sich zwischen 1942 und 1944 ein Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen befunden. Die heutige Pfarrbaracke war einst die Küchenbaracke des Lagers. 2008 war im Zuge der größten Jugendsozialaktion Österreichs „72 Stunden ohne Kompromiss“ – organisiert von der Katholischen Jugend Österreich in Zusammenarbeit mit youngCaritas und Hitradio Ö3 – mit 45 Jugendlichen aus den damaligen Dekanaten Weyer und Steyr (jetzt: neue Pfarren Ennstal und Steyr) im Keller der Pfarrbaracke in Ternberg ein Gedenkraum errichtet worden. Seither findet hier jährlich eine Gedenkfeier statt, ebenso werden auf Anfrage Führungen angeboten und auch ein pädagogisches Begleitkonzept wurde erarbeitet.
Die Gedenkfeier stand gemäß dem Jahresschwerpunkt des Mauthausen Komitees Österreich unter dem wichtigen und zugleich herausfordernden Motto „Täter und Täterinnen im Nationalsozialismus“. Moderiert und geleitet wurde der Abend von Cornelia Kreusel, ehrenamtliche Mitarbeiterin im Jugendpastoralteam der Pfarre Ennstal, und Anita Buchberger, Initiatorin des Gedenkraums und seither in der Gedenkkultur ehrenamtlich Engagierte.
Mit der aus dem Mühlviertel stammenden Musikerin und Sängerin Stefanie Poxrucker vom Dialekt-Pop-Trio „Poxrucker Sisters“ konnte auch heuer wieder eine prominente Rednerin gewonnen werden.
Im Gespräch über Erinnerung, Demokratie und Zivilcourage
Die Auseinandersetzung mit den Lehren aus der Zeit des Nationalsozialismus stand im Mittelpunkt eines Talks mit den Ehrengästen der Gedenkfeier. Gemeinsam mit Bischof Manfred Scheuer, Landeshauptmann Thomas Stelzer, Helmut Edelmayr, Gründungsmitglied des Mauthausen Komitees Österreich, sowie Simon Rubasch, dem ehrenamtlichen Vorsitzenden der Katholischen Jugend Oberösterreich (kj oö), wurde darüber diskutiert, wie menschenfeindliche Entwicklungen in der Gesellschaft erkannt werden können und welche aktuellen Tendenzen besonders wachsam machen sollten. Im Zentrum des Gesprächs standen zudem die Fragen, was Menschen heute dazu befähigt, mutig gegen Ausgrenzung und Diskriminierung aufzutreten, und welche Verantwortung insbesondere junge Menschen übernehmen können, um ein respektvolles und solidarisches Miteinander aktiv mitzugestalten.
Landeshauptmann Thomas Stelzer erinnerte daran, dass die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus „ein Auftrag an uns alle“ sei. Aus dieser Verantwortung heraus gelte es, „nicht wegzusehen, wenn Menschen ausgegrenzt oder entrechtet werden“, und die Demokratie entschlossen zu schützen. Besonders ermutigend sei für ihn, dass gerade junge Menschen in Ternberg die Erinnerungskultur aktiv mittragen. Ihr Engagement gebe dem Gedenken, so Stelzer, „eine besondere Kraft“.
Helmut Edelmayr, Gründungsmitglied des Mauthausen Komitees Österreich, rief dazu auf, die Demokratie aktiv zu verteidigen und sich gegen Ausgrenzung und menschenfeindliche Tendenzen entschieden einzusetzen. „Wenn wir Demokratie wollen, müssen wir um sie kämpfen“, betonte er und forderte dazu auf, das Wort zu ergreifen, wenn demokratische Werte infrage gestellt werden. Die Herkunft, Religion oder soziale Zugehörigkeit eines Menschen dürften dabei keine Rolle spielen, denn „die Würde des Menschen ist nicht abzuerkennen“. Besonders an die Jugend appellierte Edelmayr, für diese Werte einzutreten. Aus seiner langjährigen Erfahrung im Mauthausen Komitee erinnerte er zudem an den Auftrag der ehemaligen Häftlinge, Verantwortung für die Erinnerungskultur zu übernehmen und gemeinsam mit Politik, Kirche und weiteren gesellschaftlichen Gruppen für ein respektvolles und demokratisches Miteinander einzustehen.
Bischof Manfred Scheuer hob hervor, dass es gerade für die Region und das ganze Land „Mut zum Widerspruch, Mut zum Widerstand“ brauche. Dieser Mut sei für ihn eng mit dem Vorbild Franz Jägerstätters verbunden und wachse aus dem Gewissen heraus. Widerstand bedeute dabei nicht nur Empörung oder Kritik, sondern vor allem ein positives Eintreten für die Menschenwürde und die Menschenrechte. Als Gefahren nannte Scheuer den von Hannah Arendt geprägten Begriff der „Banalität des Bösen“, der sich oft nicht in offenem Hass, sondern in Gewöhnlichkeit und Anpassung zeige, nach dem Motto: „Es machen sowieso alle so.“ Ebenso warnte er vor Verachtung gegenüber anderen Menschen, unabhängig von Herkunft, Religion oder Weltanschauung. Diese Haltung sei eine Wurzel von Gewalt und müsse durch Wertschätzung ersetzt werden. Als weitere Gefahr bezeichnete der Bischof die Gleichgültigkeit. Deshalb brauche es den Aufbau eines inneren Gewissens und einer positiven Lebenshaltung. Gerade jungen Menschen gab er mit auf den Weg, das eigene Leben anzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und aktiv für die Würde jedes Menschen einzutreten.
Simon Rubasch, ehrenamtlicher Vorsitzender der Katholischen Jugend Oberösterreich (kj oö), betonte die enge Verbindung von Erinnerung und Verantwortung. Es gehe darum, „zu erinnern und dann Verantwortung zu übernehmen“. Aktive Gedenkkultur, wie sie etwa in Ternberg, Mauthausen oder Wels-Gunskirchen gelebt werde, ermögliche es, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen und zu verstehen, wie menschenverachtende Systeme entstehen können, um ihnen rechtzeitig entgegenzutreten. Verantwortung bedeute für Rubasch vor allem, Räume der Begegnung zu schaffen, „wo die Menschenwürde im Vordergrund steht“, Respekt gelebt und auf Augenhöhe diskutiert werden kann. Dort sollten Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Religion die Möglichkeit haben, sich auszutauschen und ihren Platz zur Entfaltung zu finden.
Austausch zum Thema „Täter und Täterinnen im Nationalsozialismus“. v.l.: Landeshauptmann Thomas Stelzer; Simon Rubasch, ehrenamtlicher Vorsitzender der Katholischen Jugend Oberösterreich (kj oö); Helmut Edelmayr, Gründungsmitglied des Mauthausen Komitees und Bischof Manfred Scheuer.
Stefanie Poxrucker: „Das Nie wieder beginnt im Alltag“
Stefanie Poxrucker spannte in ihrer Rede den Bogen von den Erfahrungen ihrer eigenen Familie während der Zeit des Nationalsozialismus bis zur Verantwortung der Gegenwart. Sie erinnerte an ihre Urgroßmutter, die ihre Söhne unbedingt vor dem Kriegsdienst bewahren wollte: „Als der jüngste Sohn in den letzten Kriegsmonaten alt genug wurde, um einzurücken, verbrannte meine Urgroßmutter seine Beine mit kochend heißem Wasser, damit eine Einberufung verhindert werden konnte. Ich bin selbst Mutter von zwei Kindern und diese Taten erscheinen mir einfach grausam und herzzerreißend. Wie viel Angst muss eine Mutter haben, um zu so einer Entscheidung zu kommen?” Ihre Urgroßmutter war es aber auch, die einem desertierten Nachbarn trotz großer Gefahr Unterschlupf gewährte. Diese Geschichten zeigten für Poxrucker, „wie sie in dieser Realität Entscheidungen trafen und in diesem brutalen System Handlungsmöglichkeiten suchten“. Zugleich warnte sie davor, die damaligen Ereignisse ausschließlich mit dem Blick von heute zu beurteilen. Niemand könne mit Sicherheit sagen, wie er oder sie selbst in einem Regime aus Angst, Terror und Krieg gehandelt hätte.
Mit Blick auf die Gegenwart betonte Poxrucker, dass ein Verbrechen wie der Nationalsozialismus nicht durch eine einzelne Entscheidung entstehe, sondern durch das Zusammenspiel von Menschen, die Befehle geben, ausführen, organisieren, profitieren oder schweigend wegsehen. Besonders eindringlich verwies sie wie Scheuer auf den Begriff der „Banalität des Bösen“ und hob hervor, dass Zivilcourage bereits im Denken beginne: „Nicht einfach mitmachen. Nicht einfach übernehmen.“ Das oft zitierte „Nie wieder“ müsse deshalb viel früher ansetzen, nämlich dort, „wo aus Menschen plötzlich ,die anderen‘ werden“ und ihnen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder politischen Gesinnung der Wert abgesprochen werde.
Poxrucker machte deutlich, dass Menschen heute Handlungsspielräume hätten und Verantwortung übernehmen könnten. „Wir können widersprechen, ohne dafür unser Leben riskieren zu müssen“, betonte sie und rief dazu auf, Menschlichkeit im Alltag zu leben. Das Erinnern sei deshalb nicht nur ein Blick in die Vergangenheit, sondern auch eine tägliche Entscheidung für Mitmenschlichkeit und Demokratie. „Wir können nur entscheiden, wie wir uns heute verhalten“, erklärte sie und schloss mit dem Appell, das „Nie wieder“ immer wieder einzuüben: „Wir üben für den Ernstfall.“
Ein interaktives Zeichen gegen das Wegsehen
Zur symbolischen Verdeutlichung dieser Botschaft wurde im interaktiven Teil der Gedenkfeier das Publikum selbst zum Mitdenken und Mitentscheiden eingeladen. Auf der Bühne wurden die drei Reaktionsmöglichkeiten „Eingreifen“, „Hilfe holen“ und „Wegschauen“ vorgestellt, die den Besucher:innen in den Farben Grün, Gelb und Rot auf bereitgelegten Karten zur Verfügung standen. Hinter einem zugezogenen Vorhang spielten Jugendliche anschließend verschiedene Alltagssituationen als Dialoge nach, in denen Ausgrenzung, Antisemitismus, Benachteiligung oder Marginalisierung thematisiert wurden. Das Publikum war dabei aufgefordert, unmittelbar Stellung zu beziehen und die gewählte Reaktion mittels Farbkarte sichtbar zu machen. Die Übung machte deutlich, wie häufig Menschen im Alltag mit Situationen konfrontiert sind, die Zivilcourage erfordern, und wie entscheidend es ist, nicht wegzusehen, sondern aktiv zu handeln und Verantwortung zu übernehmen.
Interaktiver Teil der Gedenkfeier: "Wie würdest du handeln?"
Im weiteren Verlauf der Feier wurden die bekannten Namen der Opfer des KZ-Außenlagers Ternberg verlesen. Nach einem Gebet, gesprochen von Diözesanjugendseelsorger Maximus Oge Nwolisa, wurden abschließend vor der Pfarrbaracke Kränze niedergelegt.
Breit mitgetragenes Gedenken
Das Anliegen des Gedenkens in Ternberg wird mittlerweile sehr breit mitgetragen. Als Mit-Veranstalter fungierten die Markt- und Pfarrgemeinde, der Musikverein, die Bezirks- und Ortsstelle des Roten Kreuzes, das Katholische Bildungswerk, die Katholische Frauenbewegung, die Katholische Männerbewegung, die Landjugend und das Mauthausen Komitee Österreich. Zahlreiche Ehrengäste aus der kirchlichen und politischen Öffentlichkeit nahmen an der Gedenkfeier teil. Für die musikalische Gestaltung sorgten die Band „The L.I.P’s“, der Chor der Mittelschule Ternberg unter der Leitung von Simon Schmidthaler und Ursula Einheller sowie ein Bläserensemble des Musikvereins Ternberg unter der Leitung von Marina Pernkopf.
Fotos werden über den folgenden Link in der Mediendatenbank der Diözese Linz zum Download zur Verfügung gestellt:
